Artikel:
AUSGABE Nr. 26 Januar / Februar 2011

Ein bisschen Klassik in Abu Dhabi
Die Berliner Philharmoniker begeistern im Nahen Osten

Normalerweise ist es in Abu Dhabi die Klimaanlage, die Gänsehaut verursacht. Am 9. November waren es hingegen die ersten Töne von Haydns Symphonie Nr. 99, die dem Publikum einen Schauer über den Rücken laufen ließen.

Auf der Bühne im Auditorium des Emirates Palace Hotels in Abu Dhabi saßen die Berliner Philharmoniker. Zum ersten Mal seit 35 Jahren spielten sie an dem Abend wieder im Nahen Osten. Zuletzt waren sie 1975 in Teheran zu hören gewesen - unter der musikalischen Leitung von Herbert von Karajan.
2010 in Abu Dhabi war es Sir Simon Rattle, der das Orchester dirigierte. Neben Haydn standen drei weitere Komponisten auf dem Programm: Alban Bergs Werk „Drei Orchesterstücke“  und Brett Deans „Komarov’s Fall“, die im Vergleich zu Haydn moderner klangen und als Finale präsentierte Rattle Brahms Symphonie Nr. 2. Es machte Spaß, dem Briten zuzusehen. Er ging mit der Musik mit und wirbelte auf seinem - etwa einen Quadratmeter großen - Dirigentenpult von einer Seite zur anderen, mit großer Gestik und ausdrucksstarker Mimik. Während Brahms 3. Satz erklang, unterhielt sich die erste Geige kurz mit der zweiten – das Orchester wirkte sympathisch, locker, zum Allegretto des Stückes passend.
Passen die Berliner Philharmoniker aber zu Abu Dhabi? Das Auditorium war sehr gut gefüllt, wenn auch nicht bis auf den letzten Platz. Dabei sind die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) bisher noch nicht für ihr kulturelles Angebot bekannt. Die Lokalbevölkerung tastet sich erst an Kunst und Kultur nach westlichen Maßstäben heran. Ein „Kulturleben“ in dem Sinne ist daher in den VAE nur spärlich vorhanden. Abu Dhabis Regierung will dies ändern. Die Hauptstadt der sieben Emirate soll zum kulturellen Zentrum des Nahen Ostens werden. Ein neuer Louvre befindet sich im Bau sowie ein Guggenheim-Museum und ein Performing Art Centre mit Oper und Konzertsaal.
Gebäude müssen allerdings auch mit Inhalt gefüllt werden. Auf Initiative der „Abu Dhabi Authority for Culture and Heritage“ (ADACH) wurde deshalb 2007 die Konzertreihe „Abu Dhabi Classics“ ins Leben gerufen. Diese ist bereits zum kulturellen Herzstück im Emirat geworden. Nicht nur die Berliner Philharmoniker saßen im Rahmen der Konzertreihe schon auf der Bühne. Auch andere Weltklasse-Orchester wie die Wiener Philharmoniker oder das Royal Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam spielten in Abu Dhabi.
Die erste Saison begann 2008. Von Oktober bis Mai finden seitdem jedes Jahr ein bis zwei Konzerte im Monat statt. „Der ADACH geht es darum, in einen kulturellen Dialog zu treten, mit Europa, mit der ganzen Welt“, erklärt Till Janczukowicz, der deutsche Intendant der Abu Dhabi Classics. „Was in Europa, Amerika und auch in Asien stattfindet, soll auch in Abu Dhabi geschehen. Ziel ist eine Veranstaltungsreihe auf internationalem Niveau.“ Gleichzeitig sollen dadurch die Lebensqualität im Emirat erhöht und Standortmarketing betrieben werden. Außerdem zieht die Konzertreihe Touristen an. Bereits für 500 Besucher war im letzten Jahr die Musik Anlass, in die VAE zu reisen.
Es sind jedoch nicht nur die hervorragenden Orchester und Musiker, welche die Abu Dhabi Classics auszeichnen. Vielmehr sind es die Konzerte und Aktivitäten für Kinder und Jugendliche, die die Veranstaltungsreihe bemerkenswert machen. Am Tag nach dem eigentlichen Konzert finden auch in Schulen in Abu Dhabi Konzerte statt, sogar kostenfrei. Kinder aus 26 Schulen sind mittlerweile bei den Aufführungen dabei, darunter auch viele emiratische. „Wir haben aber auch Konzerte, für die die Musiker ein bis zwei Monate vor dem eigentlichen Konzert nach Abu Dhabi kommen und zusammen mit dem Musiklehrer das Thema des Konzertes erarbeiten und es finden Workshops statt“, sagt Janczukowicz. Dadurch wird die Generation an klassische Musik und an eine Kultur herangeführt, die in 15 bis 20 Jahren die kulturelle Entwicklung des Landes wesentlich mitbestimmen wird. Die Abu Dhabi Classics sind also eine langfristige Angelegenheit.
In den ersten sechs Saisons soll das klassische und zeitgenössische Hauptrepertoire gespielt werden, wie Haydn, Beethoven oder Mahler. Orchester wie die Berliner Philharmoniker einzuladen erfordert eine lange Planung, von zwei  bis vier Jahren im Voraus. Kein Wunder also, dass momentan schon für die Saison 2012 und darüber hinaus geplant wird. „Es ist bei jedem Musiker und bei jedem Orchester, die kommen, ein Sinn dahinter“, bemerkt der Intendant der Abu Dhabi Classics und fügt hinzu: „ Wenn man eine solche Serie plant, dann wäre es ein Sakrileg, nicht zu versuchen, die Berliner Philharmoniker einzuladen.“ Denn diese gelten weltweit als Synonym für klassische Musik schlechthin.
Die Frage, worauf Besucher sich in den kommenden Saisons freuen können, beantwortet Janczukowicz schlicht: „Auf Konstanz. Darauf, dass wir wirklich jedes Jahr zwischen Oktober und Mai ein Musikleben in Abu Dhabi erleben können, wie es in führenden Kulturmetropolen nicht besser ist.“
Und damit scheint er Recht zu haben. Auf dem Programm stehen in dieser Saison unter anderen noch der Dirigent Daniel Barenboim und der Cellist Yo-Yo Ma. Und die könnte man auch in Kulturzentren wie New York oder London antreffen.

 

Mehr Informationen: www.abudhabiclassics.com

[MW]